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Cover der Kurzgeschichte Gekauftes Leben
Elvira Drabon ermittelt

Gekauftes Leben

Eine Krimi Kurzgeschichte von Marc Vollmer

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Mit den festen Schuhen an den Füßen und dem monotonen Rattern des Zuges spürte Elvira die kleine Freiheit, die sie sich alle paar Wochen gönnte. Sie nahm den Bummelzug zu dem einsamen Bergdorf. Die Fahrt würde zweieinhalb Stunden dauern. Dann würde sie durch die Bergwelt wandern und es genießen, fernab von dem Tumult ihres Lebens zu sein. Die Befreiung lag nicht nur in dem Alleinsein, sondern auch in der Gewissheit, dass sie in den Bergen keinen Handyempfang hatte. Den alten Zug mit den rustikalen Abteilen, den Türen mit den schäbigen Gardinen und den ausgesessenen Sitzen empfand Elvira als unperfektes Glück. Der Luxus hatte hier keinen Platz gefunden und so herrschte nostalgisches Flair, als die Fahrt rumpelnd durch die Landschaft zog. Wie üblich stand ihre rote Thermoskanne mit handgebrühtem Filterkaffee auf dem Tischchen vor dem Fenster. Gegenüber von Elvira saß eine Frau, vielleicht Mitte dreißig, in rosa Bluse und feiner Strickjacke. „Gehen Sie wandern?“, fragte sie freundlich. „Ja, um den Kopf wieder freizubekommen“, antwortete Elvira für ihre Verhältnisse ausschweifend. „Ich stelle es mir noch immer bezaubernd vor. Auch wenn ich mich kaum daran erinnere“, sagte die Frau und blinzelte mehrfach kurz. „Was meinen Sie?“, fragte Elvira mehr aus Höflichkeit. „Seit mir der Mikrochip in den Kopf implantiert wurde, kann ich zwar leben, aber eine sanfte Ruhe existiert nicht mehr. Es ist eher ein Ausschalten.“ Elvira war für einen Augenblick geschockt, als sie sich vorstellte, wie ein Chip ihre eigenen Gedanken kontrollieren würde. Kurz empfand sie Mitleid, bis ihr auffiel, wie das Blinzeln der Frau immer schneller wurde und die Pausen dazwischen sich verkürzten. „Entschuldigen Sie mich für ein paar Minuten?“, sagte die Frau. Erstaunt und mit hochgezogenen Augenbrauen reagierte Elvira: „Selbstverständlich.“ Sie wusste nicht, was man in so einem Moment gewöhnlich sagte. Die Frau stand auf, verließ das Abteil und Elvira gab sich dem Charme der Zugfahrt hin. Felder, Wiesen, verschlafene Dörfer und da, ein kleines Mädchen, das dem Zug zuwinkte. Elvira nahm sich einen Becher von ihrem Kaffee und dachte an die Berge. Nach einer Weile kehrte die Frau zurück. Sie lächelte, als sie sich setzte. Beide starrten aus dem Fenster und schwiegen, denn es gab nichts zu sagen. Elvira fiel auf, dass das Blinzeln aufgehört hatte. Dann plötzlich ein harter Ruck. Vor dem Abteil stürzten die Leute mit aufgeschreckten Gesichtern zu Boden. Metall quietschte ohrenbetäubend. Der Zug hatte mit einer Notbremsung gestoppt. Elvira eilte auf den Flur, in dem sich die Menschen die schmerzenden Glieder rieben. Ein Schaffner bahnte sich den Weg durch die Menge, die Stirn in Falten, der Blick fahrig. „Was ist passiert?“, fragte Elvira und zeigte ihm ihren Dienstausweis. Erst reagierte er geschockt, atmete dann erleichtert auf, um ihr letztendlich ein Handzeichen zu geben, damit sie ihm folgte. Sie erreichten den nächsten Waggon, wo bereits eine Kollegin ihn erwartete und den Gang vor einem Abteil versperrte. „Sie haben die Notbremse gezogen?“, fragte Elvira die Frau in blauer Uniform. „Ja“, antwortete sie und sah dabei fragend ihren Kollegen an. „Sie ist Polizistin“, sagte der Schaffner kurz und schob die Tür zur Seite. Ein einzelner Mann saß zusammengesunken vor dem Fenster. Die Augen geschlossen. Auf dem Hemd ein dunkler roter Fleck. Elvira schaute sich die Wunde des Toten genauer an. Drei Stiche rund ums Herz. Von der Mordwaffe fehlte jede Spur. Der Mann hatte weder Papiere noch ein Handy bei sich. Sie schaute kurz nach draußen, wo ein Holunder blühte. Dann verharrte ihr Blick für einen Moment auf den oberen Rand des alten Zugfensters. Ein kleiner Spalt, der nicht geschlossen wurde. „Sind die Türen des Zuges verriegelt?“, klang es fast wie ein Kommando von Elvira an den Schaffner. „Das ist Vorschrift!“, erwiderte er entrüstet und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Wie viele Waggons hat der Zug?“ „Vier.“ Elvira trat aus dem Abteil und schritt in die entgegengesetzte Richtung, aus der sie gekommen war. Sie suchte nach Hinweisen, nach jemandem, der sich anders verhielt. Doch alle zeigten nur Bestürzung und manche schimpften. Als sie das eine Ende des Zuges erreichte, kehrte sie um. Sie ging langsam zurück, den Blick suchend auf Details, die ihr zuvor entgangen waren. Doch ihr fiel nichts Verdächtiges auf, bis sie an ihrem Abteil vorbeiging und die kleinen roten Flecken auf der Weste der Frau mit dem Mikrochip entdeckte. Elvira entschied, zuerst durch die restlichen Waggons zu gehen. Vielleicht waren die Punkte nur ein Zufall. Doch in den beiden anderen Abschnitten verhielten sich die Leute ähnlich, keiner schien kontrolliert zu sein oder wirkte auffällig ruhig. Nur Angst, mal mehr, mal weniger erkannte sie in den Gesichtern, da niemand von ihnen den Grund für den Nothalt wusste. Ohne weitere Hinweise kehrte Elvira in ihr Abteil zurück. Der Kaffee im Becher war längst kalt. Die Frau saß aufrecht und ihr Rücken berührte kaum den Sitz. Sie fragte ohne das kleinste Zeichen von Erregung: „Wissen Sie, warum wir angehalten haben?“ Bevor Elvira antwortete, dachte sie kurz nach: „Ein toter Mann ist aufgefunden worden.“ Teilnahmslos nickte die Frau und sah daraufhin wieder aus dem Fenster. „Haben Sie ihn gesehen, als Sie vorhin das Abteil verließen?“, äußerte sich Elvira ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. „Das könnte sein.“ Schon viele Verbrecher und einige Mörder hatte Elvira vernommen, aber eine derartige Gelassenheit war ihr bisher nicht begegnet. „Vielleicht haben Sie auch seinen Mörder gesehen?“ Ein schnelles Blinzeln folgte. Ohne über die Frage schockiert zu wirken, antwortete die Frau: „Auch das ist möglich.“ „Können Sie sich vorstellen, warum dieser Mann getötet wurde?“ Erst ein kurzes Schweigen, dann antwortete die Frau: „Unter Umständen war sein Tod nur der Preis, den jemand anderes bezahlen musste.“ Der Zug rumpelte und nahm langsam wieder Fahrt auf. Die Frau lehnte sich etwas zurück. „Der Preis für was?“, fragte Elvira. „Für ein Leben, ein Stück Elektronik oder für einen Mikrochip, der einem das Weiterleben ermöglicht. Alles hat seinen Preis.“ Elvira spürte die innerliche Anspannung und ihre Gedanken rasten, dennoch lehnte sie sich ebenfalls zurück. Doch für sie fühlte es sich unbequem an. „Sie haben den Mann also für Ihren Mikrochip getötet? Als Preis dafür, dass Sie weiterleben dürfen?“ Die Augen der Frau schlossen sich für einen Moment. Als sie sie wieder öffnete, sagte sie: „Das habe ich nicht gesagt.“ „Aber es wäre durchaus möglich, dafür einen Mord zu begehen?“ Elvira spürte dabei, wie ihre rechte Hand eine Faust ballen wollte. Die Frau lächelte, nicht künstlich, aber kontrolliert. „Wenn es so gewesen wäre, hätte es ein Arrangement sein können. Ein Leben für ein anderes.“ Ein Blinzeln. „Wer kann schon beurteilen, welchen Wert dieser Mann hatte? Vielleicht war es ein gerechter Tausch?“ Mit einer leichten Bewegung beugte sich Elvira nach vorn und betrachtete die Weste der Frau. Das Rot darauf war noch nicht getrocknet. Der Schaffner riss die Tür vom Abteil auf. Sein Blick gestresster als zuvor, die Haare zerzaust und die Krawatte schief gelockert. Mit einem Schnaufen polterte er raus: „Wir werden gleich den nächsten Bahnhof erreichen.“ „Sorgen Sie dafür, dass alle Fahrgäste und Mitarbeiter von der Polizei befragt werden“, befahl sie ihm, ohne laut zu werden. „Die örtliche Polizei ist bereits informiert.“ Mit einer angedeuteten Verbeugung schloss er hinter sich die Tür, als er wieder in den Flur hinaustrat. Für einen Moment blieb es still im Abteil, nur das leise Rattern des Zuges vibrierte durch den Boden. Obwohl Elvira weder ein Motiv noch ein Geständnis hatte, besiegte ihr Instinkt fast jeden Zweifel. Ihr fehlten die Beweise, aber sie vertraute ihrem Gespür. Elvira wandte sich der Frau zu: „Ich werde Sie vorläufig festnehmen müssen.“ Die Reaktion war nur ein Lächeln. Am Bahnhof angekommen, führte sie die Frau mit festem Griff an ihrem zierlichen Oberarm nach draußen. Ein Polizist empfing sie auf dem Bahnsteig, direkt vor dem Ausstieg. Elvira hielt ihm ihren Dienstausweis hin und sagte: „Nehmen Sie die Frau in Gewahrsam. Es ist anzunehmen, dass sie mit dem Mord in Verbindung steht.“ Die Frau hob leicht das Kinn und sah sie an: „Sie werden es nicht beweisen können.“ Kurz hielt Elvira inne, dann drehte sie sich zu dem Polizisten: „Sie müssen ab der Stelle suchen, wo der Zug gestoppt wurde. Folgen Sie nach dem blühenden Holunderstrauch den Gleisen. Weiter entfernt werden Sie die Mordwaffe und die Papiere des Opfers finden.“

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Ende der Kurzgeschichte

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