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Cover der Kurzgeschichte Befreiung
Elvira Drabon ermittelt

Befreiung in die Ewigkeit

Eine Krimi Kurzgeschichte von Marc Vollmer

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Eine Leiche war auf dem stillgelegten Hüttengelände gefunden worden. Mit übler Laune stieg sie in ihr Auto ohne Klimaanlage. Die Sonne brannte. Obwohl sie die Wagenfenster heruntergelassen hatte, wischte sie sich nach Minuten den Schweiß von der Stirn. Sie mochte ihren alten Golf, der ohne Bordcomputer und Bluetooth-Schnickschnack sie seit über 15 Jahren begleitete. Doch an Tagen wie diesen, in denen sie mit Schweißflecken auf dem Shirt aussteigen würde, wünschte sie sich, sie hätte sich damals nicht gegen eine Klimaanlage entschieden. Den Osteingang hatten die Kollegen bereits abgesperrt. Ihren Wagen stellte sie an der Straße ab. Als sie die große Pforte erreichte, stand dort ein älterer Polizist, der sich mit einem Tuch über das Gesicht wischte. Er winkte sie durch, als sie ihren Dienstausweis vorzeigte. Die Industriehalle wirkte riesig. Reihen veralteter Maschinen standen im Halbdunkel, stumm und staubverkrustet. Über ihnen verliefen schwere Stahlträger. Der Betonboden war rissig und mit altem Öl durchtränkt. Jeder Laut hallte wie ein leises, schepperndes Echo wider. In fast fünfzig Metern Entfernung entdeckte Elvira eine Gruppe von Polizisten. Sie tuschelten, als sie näher kam. Als sie in Hörweite war, verstummten die Männer. „Wie ist die Sachlage?“, fragte sie. Der junge Schröder übernahm sofort das Gespräch, als hätte er nur auf ihren Auftritt gewartet. „Guten Tag, Frau Drabon.“ Ihr Blick musterte sein zu weit aufgeknöpftes Diensthemd, worauf er fortfuhr: „Die Hitze ist echt kaum auszuhalten, oder?“ Dabei betrachtete er ihr fleckiges graues Shirt. „Könnte schlimmer sein. Wo ist die Leiche?“ Er schien zu begreifen, dass sie keinen Bedarf an Smalltalk hatte. Mit einem kurzen Räuspern zog er die Schultern zurück. „Sie ist dort drüben in einem Kurbelgehäuse. Sie scheint schon seit Jahren darin zu liegen.“ „Wer hat sie gefunden?“ „Studenten, die hatten im Rahmen eines Industrieprojekts die Erlaubnis, die Maschine zu öffnen und zu untersuchen.“ Elvira betrachtete die seitliche Öffnung von der Größe eines kleineren Kellerfensters. Eine schwere Metallplatte stand auf dem Boden. „Wie viel wiegt das Teil?“, fragte sie den Kollegen. „Ich würde 40 Kilo schätzen. Kaum alleine hochzuheben.“ Mit gebückter Haltung sah sie in die Öffnung hinein. Ein verwester Körper lag eingepfercht zwischen den massiven Metallteilen. „Ist die Gerichtsmedizin schon unterwegs?“ „Ja, sie sollte in ein paar Minuten da sein.“ „Wurde die Leiche schon identifiziert?“ „Nein, keine Papiere und wie Sie sehen, ist der Rest kaum zu erkennen.“ „Wo sind die Studenten?“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf eine Gruppe von drei jungen Männern. Elvira ging hinüber und fragte: „Wer von Ihnen hat die Leiche gefunden?“ Einer mit blonden Haaren und strahlend blauen Augen hob schüchtern die Hand. „Was ist Ihnen aufgefallen?“ Kurz zuckte er mit der Augenbraue. „Eigentlich nichts. Wir haben den Kurbelgehäusedeckel demontiert und als ich reinsah, sah ich den Mann darin liegen.“ „Woher wissen Sie, dass es keine Frau ist?“ Er stutzte, antwortete dann: „Keine Ahnung. Es ist nur eine Vermutung.“ Immer das Gleiche, dachte Elvira. Zeugenaussagen waren wie eine Gratwanderung zwischen Wahrheit und Vorstellung. Sie glaubte nicht, dass die Studenten weiterhin hilfreich waren. „Wurden Ihre Personalien und Kontaktdaten bereits aufgenommen?“ Die drei nickten fast synchron. „Dann können Sie gehen.“ Elvira betrachtete die Maschine. Warum versteckte jemand eine Leiche an diesem Ort? Sie ging auf die Öffnung zu, stützte sich am Rand der Luke ab, um ins Innere zu sehen. Mit ihrer Taschenlampe leuchtete sie die Winkel ab. Sie fand keinen Hinweis, der etwas erklären würde. Ein Räuspern erklang neben ihr. Sie erkannte Frau Dr. Traustetter, die Gerichtsmedizinerin, die mit Koffern in den Händen mit grimmiger Miene neben ihr stand: „Dauert es noch länger oder kann ich endlich mit meiner Arbeit anfangen?“ Ohne Kommentar gab Elvira die Öffnung frei und wandte sich an den Kollegen Schröder. Er stand leicht abseits und hörte sofort auf, zu grinsen, als sie ihn fragte: „Wann kommt die Spurensicherung?“ „Was sollen die denn finden?“, fragte er verdutzt. Elvira sah ihm für einen Augenblick in die Augen. „Benachrichtigen Sie mich, wenn die ihre Untersuchung abgeschlossen haben.“ Schröder griff zum Funkgerät. Mit immer größer werdenden Kreisen schritt Elvira langsam um die Maschine, in der die Leiche lag. Unzählige Menschen besuchten täglich die Hütte und falls es jemals Hinweise gegeben hatte, waren sie längst verschwunden. Sie fand keine Erklärung, warum ein Toter unverletzt in einem metallenen Gehäuse gefangen worden war. Dr. Traustetter fluchte über die Unzugänglichkeit des Tatortes und Schröder sagte, dass die Spurensicherung in einer Stunde da sei. Elvira würde die Ergebnisse abwarten müssen, zumal das Verbrechen wohl Jahre her war und es keine offensichtlichen Spuren mehr gab. Sie beschloss, nicht auf die Kollegen zu warten. Sie würde den Bericht lesen, von dem sie jetzt schon nicht viel erwartete. Sie ging zurück, um in ihre Wohnung zu fahren, denn sie sehnte sich nach einer kalten Dusche. Am nächsten Morgen fuhr sie direkt zur Gerichtsmedizin. Sie nahm wie üblich die Treppe in den Keller. In dem Raum aus Kacheln und Edelstahl lag eine Leiche. Verwest, in die Kleider des Zerfalls gehüllt und mit einem ranzigen Ölfilm überzogen. Aus einer Ecke kam Dr. Sieglinde Traustetter auf sie zu: „Sie sind zu früh.“ Elvira mochte die direkte Art dieser Frau. „Sie haben noch nicht angefangen?“ Die Gerichtsmedizinerin legte den Kopf leicht zur Seite. „Nein. Ich dachte, ich halte erst einen kleinen Plausch mit ihm, bevor ich ihn aufschneide.“ „Verstehe. Bis wann wissen Sie, wer die Leiche ist?“ „Die DNA-Analyse wird noch zwei Tage dauern.“ Elvira schritt in Richtung Ausgang, als Dr. Traustetter lauter wurde: „Moment!“ „Ja?“ „Die zahnärztliche Untersuchung ergab, dass es sich um Tobias Keller handelt. Er war vor 13 Jahren aus St. Arnold entlassen worden. Daher waren seine Daten gespeichert.“ „Weswegen wurde er verurteilt?“ „Er saß 21 Jahre, weil er zwei Frauen getötet hat.“ „Sonst noch etwas?“, fragte Elvira. „Ich denke, das reicht für den einen Morgen. Den Rest weiß ich in zwei Tagen.“ „Dann komme ich wieder vorbei.“ „Wenn es sein muss“, erwiderte Dr. Traustetter. Im Büro druckte sich Elvira die Akte aus. Denn sie hasste es, sich durch Dokumente auf einem unübersichtlichen Monitor zu scrollen. Sie brauchte Papier, um blättern zu können. Tobias Keller hatte sich in der Haft als reumütig gezeigt und seine Schuld uneingeschränkt gestanden. Warum er nicht lebenslang eingesessen hatte, verstand sie nicht. Er hatte die Frauen in ihren Wohnungen vergewaltigt und sie mit einem Messerschnitt durch die Kehle getötet. Vielleicht war es der Umstand, dass er sich damals selbst gestellt hatte. Das Gesetz mochte für jene Gnade seine Gründe haben, doch in ihr rumorte der übliche Widerstand. Sie schnappte sich die Autoschlüssel und verließ das Dezernat, um nicht weiter darüber nachzudenken. St. Arnold lag einige Kilometer vor der Stadt. Der Direktor zeigte sich zwar hilfsbereit, aber er hatte keine weiteren Informationen, die nicht schon in der Akte standen. Er habe damals noch nicht im Gefängnis gearbeitet. Als Elvira nach dem Anstaltsarzt fragte, tippte er etwas im Zwei-Finger-Suchsystem auf die Tastatur ein. „Der damalige zuständige Arzt ist bereits verstorben.“ „Wer von den Angestellten ist noch im Dienst?“ „Moment.“ Es dauerte. Der Direktor scrollte mit der Maus, schrieb sich Notizen auf einen Zettel und letztendlich entspannte sich sein Gesicht. „Ein Mitarbeiter arbeitet noch für uns.“ „Kann ich ihn sprechen?“ Wieder sagte er: „Moment“, was Elvira mittlerweile nervte. Als er zum Telefonhörer griff, lächelte er sie auch noch an. Als sie warteten, bot er ihr einen Kaffee an, was sie ablehnte. Minuten später erschien Michael Decker in dem Raum. Ein Vollzugsbeamter, der kurz vor der Rente stand und es ihm sichtlich unangenehm war, im Büro des Chefs zu stehen. „Erinnern Sie sich noch an Tobias Keller, einen zweifachen Frauenmörder?“ „Natürlich, ich vergesse nie einen Gefangenen. Herr Keller fiel mit seinem außerordentlich guten Verhalten auf. Warum er wahrscheinlich auch freigelassen wurde.“ „Hatte er Feinde?“ „Zumindest nicht im Gefängnis. Über sein Privatleben weiß ich nichts.“ „Hat er Ihnen damals gesagt, was er nach der Haft machen wollte?“ „Eigentlich nicht, aber es gab Gerüchte.“ Mit einem Kopfheben forderte Elvira ihn auf, weiterzusprechen. „Damals ging das Gerücht um, dass es einen Bestatter gab, der den Häftlingen half, mit einem gewissen Niveau aus dem Leben zu gehen.“ „Was? Er hat ihnen beim Suizid geholfen?“ „So genau habe ich das nicht mitbekommen, aber ich denke schon.“ Elvira spürte, wie sich ihr Magen kurz zusammenzog. Eine Mischung aus Ekel und dem leisen, verräterischen Interesse an jemandem, der mit Schuld anders umging als das Gesetz. „Warum wollte sich Tobias Keller umbringen?“ „Ich denke, Herr Keller hat seine Schuld wirklich bereut und anscheinend hoffte er, der Bestatter würde ihn erlösen. Auf jeden Fall war es so, als das Gerücht die Runde machte, bemühte er sich intensiv um seine Freilassung.“ Für Elvira klang dies in dem Moment absurd. Sie wusste aus der Statistik, dass die meisten von ihnen rückfällig wurden und wieder in den Bau kamen. Die Selbstmordrate von freigelassenen Häftlingen war jedoch gering. Dennoch pulsierte ihr Instinkt, als wäre sie auf einer noch unsichtbaren Spur. Sie rief den Vorgesetzten der Hundestaffel an: „Können Ihre Hunde auch verweste Leichen finden?“ Sie wartete die ausschweifende Antwort ab und sagte darauf: „Dann treffen wir uns in einer Stunde am Osteingang vom Hüttengelände“ und beendete das Gespräch. Während sie auf dem Gelände wartete, schaute sie sich nochmals am Fundort um. Die Leiche war völlig unbeschadet. Keine Abwehrspuren, kein Blut. Jemand hatte ihn sterben lassen, ohne ihm auch nur einen Kratzer zuzufügen. Sie stellte sich vor, wie Keller in die Maschine stieg. War er erstickt, verhungert oder wie war er gestorben? Sie hatte keine Antwort und musste noch zwei Tage auf das Ergebnis der Obduktion warten. Ein Bellen riss sie aus den Gedanken. Es hallte in der Halle. Ein Beamter führte einen leicht aufgebrachten Hund vor: „Sie haben einen Leichenspürhund geordert?“ „Ja.“ „Das nächste Mal wäre es nicht schlecht, wenn Sie ein wenig früher Bescheid geben.“ Elvira atmete tief durch. „Ich rede mit den Verbrechern, ob sie ihren Zeitplan anpassen.“ Der Beamte verzog das Gesicht. „Wo soll der Hund suchen?“ „Er soll bei den Maschinen anfangen, die so aussehen wie diese“, dabei zeigte sie hinter das Absperrband. „Wirklich? Wissen Sie überhaupt, wie viele es auf dem Gelände gibt?“ „Dann ist es doch gut, dass Sie so schnell gekommen sind.“ Nach einer Stunde schlug der Hund bei einer Maschine in der Nachbarhalle an, bellte und wedelte freudig mit dem Schwanz. Elvira bestellte sofort ein Team von Mechanikern und befahl schroff, sie sollten sich gefälligst beeilen. Der Hundeführer fragte: „Ist das alles gewesen?“ „Nein.“ „Was nein?“ „Ich sagte Ihnen, Sie sollten bei den Maschinen anfangen und nicht bei der Nächsten aufhören. Suchen Sie das ganze Gelände ab.“ Mit Gemurre rief der Kollege bei seinem Vorgesetzten an, damit sie mit einer ganzen Hundestaffel anrückten. Gegen Mittag erschien die Staffel und es dauerte nicht lange, bis der zweite Hund eine Halle weiter anschlug. Kurz darauf erfuhr sie über Funk, dass der Dritte an einer Maschine am anderen Ende des Geländes etwas gefunden hatte. Spätestens da wusste Elvira, dass es hier nicht um einen Zufall ging, sondern um ein Muster. Am späten Nachmittag waren die Spürhunde erschöpft, die Suche musste bis zum nächsten Tag warten. Doch die Mechaniker öffneten bereits eine Maschine nach der anderen. Mit jedem Funkspruch begriff Elvira deutlicher, dass dies kein Einzelfall war. In jedem Koloss lag ein verwester Körper, sorgfältig eingesargt in Stahl. Sieben Tote, wo Menschen sonst entlangspazierten. Die Gerichtsmedizinerin Frau Dr. Traustetter erschien und wetterte aufgebracht: „Wie soll ich denn meine Arbeit machen, wenn Sie ständig neue Leichen finden?“ Elvira antwortete: „Die Hunde haben sie gefunden.“ Worauf die Gerichtsmedizinerin mit einem Murren den Kopf schüttelte. Es dämmerte bereits, als Elvira über das Gelände ging und jeden Fundort inspizierte. Immer wieder leuchtete sie den Hohlraum aus, suchte nach Details und Hinweisen. Es blieb ein Rätsel mit einem festen Muster. Sechs Tote ohne Gewalteinfluss. Sitzend oder liegend. Eingesperrt in den Kolossen aus Stahl. Bei der siebten Maschine saß die Leiche im hinteren Bereich, als ob sie sich versteckt hatte. Sie musste fast den ganzen Oberkörper durch die Öffnung zwängen, um sie zu entdecken. Mit der Taschenlampe durchleuchtete sie den Bereich und entdeckte etwas auf dem ölverschmierten Boden. Ein Papier in Folie. Sie zwängte sich wieder heraus. Die Handschrift verschnörkelt, aber deutlich lesbar. Falls Sie mich finden sollten, so bitte ich Sie, die Luke schnellstmöglich wieder zu schließen. Denn einst wachte ich als Seelenwächter über Verstorbene, deren Dasein nicht die Ewigkeit verdient hatten. Doch ich trage eine allzu große Schuld, so dass meine eigene Seele in der Zwischenwelt verdammen soll. Elvira las den Text mehrfach. Unklar, ob es sich wirklich um diesen Bestatter handelte, rief sie die Gerichtsmedizinerin an, die irgendwo auf dem Gelände war und informierte sie darüber, dass womöglich einer der Toten kein Häftling war. Abends studierte Elvira zu Hause die Akte immer wieder. Menschen in Maschinen, die nicht mehr leben wollten, krochen nicht in ein Verlies. Sie überlegte, was es mit dieser Zwischenwelt auf sich hatte, als ihr Handy klingelte. Dr. Traustetter rief an: „Sie hatten recht, eine der Leichen steht in keiner Datenbank.“ „Sie arbeiten noch?“ „Nachts ist es hier am ruhigsten.“ Kurz dachte Elvira an die Leichenhalle, die keiner ihrer Kollegen gerne besuchte. Es klang absurd, dass dort jemals Betrieb herrschte. Sie ignorierte die Aussage und fragte stattdessen: „Konnten Sie den Mann identifizieren?“ „Nein, das wird wohl Ihr Job sein.“ „Wie lange ist er tot?“ „Ich schätze ungefähr zehn Jahre. Ist schwierig, weil die Leiche in der Maschine teilweise konserviert worden ist.“ „Sonst noch etwas?“ „Nein.“ Dann war das Telefonat beendet. Am nächsten Tag gab Elvira den Auftrag an Klara, sie solle einen Bestatter ausfindig machen, der ungefähr vor einem Jahrzehnt verschwunden war. Es dauerte kaum eine halbe Stunde, da stand ihre junge Kollegin wieder in der Tür und verkündete: „Johannes Farholt. Vermisst gemeldet vor elf Jahren.“ „Von wem?“ „Einer Reinigungskraft, die in seinem Bestattungsinstitut arbeitete.“ „Finde alles über seine Angehörigen heraus.“ „Bereits erledigt. Keine lebenden Verwandten.“ Alles lief ins Leere. Elvira kam es vor, dass sie bei jedem Schritt nach vorn immerzu in einer Sackgasse endete. Die Einzige, die vielleicht mehr wusste, war Dr. Traustetter. Es war zwar unwahrscheinlich, sie nach einer langen Nacht bei der Gerichtsmedizin anzutreffen, aber Elvira würde es versuchen. Gegen zehn Uhr traf sie ein und aus dem Keller erklang laute Orgelmusik. Es hallte derart von den Wänden, als wäre sie in einer kleinen Kirche. Die Gerichtsmedizinerin stand neben einer der vielen Leichen und führte gerade einen Schnitt in das trockene Gewebe aus. Sie sah auf. „Sie kommen spät. Ich hatte früher mit Ihnen gerechnet.“ Die Frau schien keinen Schlaf zu brauchen. „Der Bestatter hieß Johannes Farholt. Konnten Sie schon einen anderen identifizieren?“ „Die Liste liegt da drüben auf dem Schreibtisch.“ Elvira trat hinüber und fand ein handschriftliches Papier, auf dem sechs Namen mit Geburtsdaten standen. Sichtlich beeindruckt von der Arbeit, wandte sie sich zu Dr. Traustetter: „Kann ich die Liste mitnehmen?“ „Sie können sie auch auswendig lernen, wenn Sie wollen.“ Sie faltete das Papier zusammen und steckte es in die Hosentasche. „Konnten Sie bisher die Todesursache herausfinden?“ „Nein. Alle sind sie unversehrt und die bisherigen Untersuchungen brachten kein Ergebnis.“ „Sie informieren mich?“ Elvira grinste Dr. Traustetter an und erntete ein breites Schmunzeln von der Gerichtsmedizinerin. Als sie ins Dezernat zurückkehrte, erteilte sie Klara die Aufgabe, von allen Namen die Adressen der Verwandten rauszusuchen. Ungeduldig wartete Elvira auf das Ergebnis und schaute sich währenddessen die Polizeiakten an. Jeder von ihnen war ein Monster: Vom Kinderschänder bis zum Frauenmörder. Zwanzig Jahre oder mehr saßen sie im Gefängnis. Klara kam mit einer Liste herein. „Ich dachte, ich drucke sie, da Sie ohnehin Ihre Mails nicht lesen.“ Mit ausgestreckter Hand nahm Elvira das Papier entgegen. Die meisten der Verwandten waren verstorben und ein kleiner Teil nicht auffindbar. Nur die Schwester von Karsten Sembrück lebte noch in der Stadt. Eine Stunde später saß sie bei Sabine Sembrück im Wohnzimmer. Eine ergraute Frau, die ihr Kaffee mit dem Rollator brachte und bei jeder Bewegung stöhnte. „Kennen Sie einen Johannes Farholt?“, fragte Elvira. „Der Name sagt mir nichts oder ich habe ihn vergessen.“ „Im Gefängnis, als Ihr Bruder einsaß, gab es ein Gerücht über einen Bestatter. Wissen Sie etwas darüber?“ Der Blick der alten Dame wurde hart. Ihre Wangen zogen sich vor Anspannung zusammen. „Zu viel“, sagte sie. Holte tief Luft und sprach weiter: „Dieser Mann hat meinen Bruder umgebracht.“ „Woher wissen Sie das?“ „Karsten hatte nach seiner Entlassung die irrsinnige Idee, dass er nur noch sterben wollte. Er hatte sich mit diesem Bestatter getroffen und war überzeugt, er würde nach seinem Tod in einer besseren Welt leben können, wo ihn der Drang nicht mehr verfolgte, einem Menschen etwas anzutun. Vier Tage später war er verschwunden.“ „Wieso glauben Sie nicht an Selbstmord?“ „Karsten war krank. Er war wie besessen davon, einem Mädchen Schmerz anzutun. Aber er ertrug nicht die kleinste Pein. Eigentlich war er ein Feigling und hatte sicherlich nicht die Courage sich selbst umzubringen.“ „Wollten Sie sich bei dem Bestatter rächen?“ „Natürlich, aber letztendlich habe ich es nicht getan. Karsten war kein guter Mensch.“ Gleich nachdem Elvira die alte Frau verlassen hatte, fuhr sie geradewegs zu Thomas, dem Technikspezialisten vom Dezernat. Sie überfiel ihn mit der Ansage: „Ich brauche sämtliche Überwachungsvideos vom Hüttengelände.“ „Sofort, von allen dieser Welt oder reichen die von Europa?“ „Von dem in unserer Stadt“, säuselte Elvira mit angesäuertem Unterton. Er setzte sich an den Computer, suchte kurz etwas. „Es gibt nicht viele. Hast du ein Datum für mich?“ „Nachts vor zehn Jahren.“ „Da werden wir nichts finden. Die Kameras wurden erst vor ein paar Jahren installiert. Nach was suchen wir überhaupt?“ „Nach einer Frau, die einen Bestatter in eine Maschine sperrte.“ „Ach, dein aktueller Fall. Aber ich glaube, auf diese Weise werden wir nichts finden.“ „Und wie soll ich ihr das nachweisen?“, wetterte Elvira ihm entgegen. „Ich kann eine Suche starten aus der Zeit und sehen, ob sonst wo etwas existiert. Vielleicht in den Social-Media-Kanälen, dort tauchen die kuriosesten Dinge auf. Aber Hoffnung würde ich mir keine machen.“ „Versuche es!“ „Es kann Tage dauern, bis der Algorithmus etwas findet und Wochen, bis ich das Bildmaterial ausgewertet habe.“ „Dann ist es eben so.“ Zu allem Überfluss wurde Elvira kurz darauf informiert, dass fünf weitere Leichen gefunden worden waren. Sie nahm sich vor, hinzufahren, um die Fundstellen zu untersuchen, aber zuerst brauchte sie einen Kaffee. Kaum saß sie im Büro, stürzte Klara hinein: „Das müssen Sie sich anschauen!“ Sie startete den Rechner, öffnete den Browser und zeigte ihr einen Stream. In dem Beitrag berichtete eine junge Frau von einer Mordserie auf dem Hüttengelände. Elvira schlug mit der Hand auf den Tisch. „Wer hat schon wieder gequatscht?“ Klara sah sie ernst an. „Die Aktion auf dem Gelände war zu groß. Eine Horde von Polizisten zieht die Presse wie Schmeißfliegen die Scheiße an.“ Durch den Bericht wurde die Menge der Schlagzeilenheuchler aufgewiegelt und das Polizeirevier wurde förmlich überrannt. Sogar die öffentlichen Redaktionen stellten Anfragen. Aufgebracht und ohne sich den Kaffee zu gönnen, fuhr Elvira zum Hüttengelände. Unzählige Leute tummelten sich an den Zäunen und vor den Absperrbändern. Nachdem sie die Fundstellen ohne neue Hinweise gesichtet hatte, dachte sie daran, was es für einen weiteren Wirbel geben würde, wenn sie die Leichen abtransportierten. Die Masse würde Bilder schießen und Social Media mit Videos überhäufen. Im Dezernat zurück, schiss sie Klara an, wieso die alle von dem Fall wussten? Die Kollegin sah sie mit großen Augen an: „Woher soll ich das wissen?“ „Finde es heraus.“ Mit fragendem Blick stand Klara im Türrahmen: „Was erwarten Sie von mir? Soll ich die Glaskugel rausholen?“ Nach einem tiefen Atemzug und dem kurzen Sortieren der Gedanken, sagte Elvira: „Entschuldige. Die ganze Sache wächst mir gerade über den Kopf.“ „Kein Problem. Aber bevor ich es vergesse, draußen wartet eine Frau. Sie will eine Aussage machen.“ Jetzt kamen auch noch sie: die Wichtigtuer, die ihren Senf dazugaben. Menschen, die in der Gesellschaft untergingen und sich meist mit einer ausgedachten Geschichte Gehör verschafften, um für einen Moment der Mittelpunkt zu sein. „Konntest du sie nicht abwimmeln?“ Klara legte den Kopf leicht schief. „Hören Sie sich an, was sie zu sagen hat.“ Mit einem tiefen Seufzer stand Elvira auf und marschierte nach vorne in den Wartebereich. Als der diensthabende Kollege sie sah, zeigte er wortlos zu einer Person, die auf einem der Stühle saß und starr aus dem Fenster blickte. Elvira ging auf sie zu. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie schnippisch. „Nichts“, antwortete die ältere Frau im teuren Blazer und hochgesteckter Frisur. „Was wollen Sie dann?“ „Ich war die ehemalige Freundin von Johannes Farholt.“ „Woher wissen Sie, dass Johannes Farholt mit unserem Fall zu tun hat?“ Ein kurzes Schnaufen folgte. Dann zog sie einen Zettel aus der Tasche. Elvira erkannte sofort die verschnörkelte Handschrift wieder. „Er hat sie alle eingesperrt, damit ihre Seelen nicht in die Ewigkeit übergehen.“ Mit erhobener Hand bat Elvira um einen Moment. Sie überflog kurz die Seiten. „Kommen Sie mit in mein Büro.“ Dort angekommen fragte sie sie: „Wollen Sie einen Kaffee, solange ich das durchlese?“ „Nein, danke.“ Es waren mehrere Seiten. Aber die letzten Abschnitte erklärten für Elvira einiges, doch gleichzeitig warfen sie neue Fragen auf: Zu ihren Lebzeiten hatten die Verbrecher ihre Schuld bereut und dafür Jahrzehnte eingesessen. Ihr letzter Wunsch war es, zu sterben. Entweder fürchteten sie sich vor einer weiteren grauenvollen Straftat oder sie hassten sich für ihre Morde. Damals war ich besessen von dem Gedanken, ihnen ihren Seelenfrieden zu nehmen. Aber ich habe diese Menschen belogen, sie meist getötet und ihre Seelen in einer endlosen Verdammnis eingesperrt. Sie werden mir glauben, dass mich das eigene Gewissen immer mehr quält. Doch die Vorbereitungen sind getroffen und der Platz für das siebzehnte Gefängnis ausgesucht. Ich verspreche Ihnen, mir selbst die todbringende Spritze zu geben. Ich möchte Sie nicht mit meinem Anblick belasten, daher habe ich ein größeres, eisernes Gefängnis gewählt, in dem ich mich hinter mechanischen Teilen verbergen werde. Ich kann den Einstieg nicht selbst verschließen. Deshalb bitte ich Sie. Sperren Sie mich ein und schützen Sie die Ewigkeit vor dem, was ich geworden bin. Danach legte sie das Papier zur Seite und sah die Frau erwartungsvoll an. „Ja“, sagte sie. „Ich habe Johannes damals in das Verlies eingesperrt. Er hatte alles vorbereitet und sogar die schwere Platte so hingestellt, dass ich sie vorschieben konnte. Damals wollte er anfangs nicht, dass seine eigene Freundin ihn einsperrte, doch irgendwann glaubte er nicht mehr an sich und hielt sich nur noch an dem Gedanken fest, dass seine Seele keinen Platz in der Ewigkeit verdient hatte. Nachdem er mir diese Blätter gegeben hatte, half ich ihm, denn je länger ich damals darüber nachdachte, umso härter verurteilte ich sein Handeln.“ Die Entscheidung fiel Elvira nicht leicht, denn auch wenn die Frau den Bestatter nicht getötet hatte, konnte sie eine Freiheitsberaubung mit Todesfolge oder gar eine Tötung auf Verlangen nicht ausschließen. Alles hing davon ab, ob es wirklich eine todbringende Spritze gab und ob er sie sich selbst gegeben hatte. „Eigentlich müsste ich Sie in Arrest nehmen. Sie haben ein Tötungsdelikt gestanden.“ Ohne jede Regung sagte die Frau: „Ich tat nur das, worum er mich gebeten hatte.“ „Haben Sie ihm die Spritze gegeben?“ „Nein.“ Elvira wägte die Situation ab. Nach all den Jahren war es fast unmöglich, ihr das Gegenteil nachzuweisen. Selbst die Spritze hatten sie nicht gefunden. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die Frau gehen zu lassen. Was sie nicht einmal störte. Danach tigerte Elvira eine Zeitlang in ihrem Büro herum, dachte über Gerechtigkeit nach und fragte sich, ob die Frau eine Schuld auf sich geladen hatte. Sie wusste es nicht. Jedoch gab es eine Sache zu klären und Elvira eilte ins technische Labor. Thomas hockte vor dem Mikroskop und sah nicht einmal auf, als sie hineinkam. „Wie kann ich nach Jahren eine tödliche Injektion nachweisen? Gibt es dafür wissenschaftliche Methoden oder sonst ein Verfahren?“ Thomas schob seinen Stuhl nach hinten. Musterte sie mit einem schelmischen Blick: „Ich nehme an, du willst darauf eine Antwort haben?“ „Was sonst?“ „Kann ich dir nicht sagen. Das ist ein Bereich, in dem ich mich nicht auskenne.“ „Das hilft mir nicht!“ „Ach, wirklich“, sagte er und wandte sich dem Telefon zu. Thomas rief einen Hendrik an. Er schilderte ihm das Problem, bedankte sich und legte auf. „Was jetzt?“ „Es kommt darauf an, bei manchen Sedativen lassen sich Metabolite selbst nach Jahrzehnten in den Knochen nachweisen. Eine hochsensitive Analyse könnte Spuren davon entdecken.“ „Wie machen wir das?“ „Hendrik benötigt ein paar Knochen und könnte die Untersuchung durchführen.“ „Wann?“ „Keine Ahnung, ich habe ihn nicht gefragt.“ Dabei grinste Thomas. „Ich weise die Gerichtsmedizin an, ihm die Knochen per Kurier zu liefern. Dann hat er sie in zwei Stunden.“ Es dauerte zwei Tage, in denen Elvira nervös auf das Ergebnis wartete. Die Presse rumorte mit ihren Vermutungen und auf dem Hüttengelände schnupperten sich die Hunde die Nasen wund. Dann kam endlich das Ergebnis. Beim Bestatter wurden geringe Mengen von Metaboliten in den Knochen nachgewiesen. Elvira hatte zwischenzeitlich den Tatort nochmals untersucht, war in die Maschine reingekrochen und hatte jeden Winkel abgesucht. Auch in Farholts Kleidung war keine Spritze zu finden. Vielleicht hatte er das Gift anders zu sich genommen? Eine Freiheitsberaubung konnte sie seiner damaligen Freundin nicht nachweisen, denn nach ihrer Aussage hatte sie lediglich das Verlies auf seinen Wunsch hin verschlossen. Für eine Anklage fehlte jeder belastbare Beweis dafür, dass sie Farholts Tod aktiv herbeigeführt hatte. Aber spielte das alles überhaupt eine Rolle, fragte sich Elvira. Farholt bat darum zu sterben. Er hatte gemordet und sein Leben beendet, weil er die Schuld nicht ertrug. Das Büro war längst verlassen und draußen erleuchteten die Laternen die Nacht, als Elvira den Deckel der Akte zuklappte. Sie hatte die krumme Schrift des Seelenwächters so oft gelesen, dass seine Sätze in ihrem Kopf eine Stimme bekamen. Wenn seine Annahme zutraf, hatte sie mit der Öffnung der Maschinen den schwarzen Seelen der Verbrecher die Freiheit gegeben. Sie würden in eine Ewigkeit aufsteigen, die sie nicht verdient hatten. Beweisen ließ sich davon nichts. Trotzdem blieb der Gedanke in ihr wie ein leiser Vorwurf. Doch dies änderte nicht die Tatsache, dass Farholt von sechzehn Seelen geschrieben hatte und sie auf dem Hüttengelände erst zwölf gefunden hatte. Es war ihr Job, der Sache nachzugehen. Aber erst morgen würde sie den Staatsanwalt informieren und sich um die Suche nach den restlichen Leichen kümmern. Als sie die Schreibtischlampe an diesem Abend löschte, hoffte sie, die weiteren Verliese nicht zu finden.

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Ende der Kurzgeschichte

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